schnippschnapp – die Schere geht auf
Für einen Herbst der Blätter und Steine

Aussichten
Die entschlossenen Anhänger der Ordnung,
mehr braucht es nicht,
um die Welt in Trümmer zu stürzen.
Nur einige alte Anarchisten
suchen mit zitternden Köpfen
unter den Ruinen nach ein paar Steinen,
die zueinander passen.
Geörgy Dalos

Kennst du Leute: Brauchst du was, hast du es. Teilen, so einfach könnte es gehen. Und sobald wir heute wirklich was brauchen, schnell mal eine Unterkunft, jemanden der zuhört oder auch nur ein doofes Auto, sind Freund_innen und andere Verwandte ohnehin die einzigen, auf die wir uns verlassen können. Aber teilen ist nichts wert, denn es entzieht sich der Rechnung, dem Bruttoinlandsprodukt, der Tauschlogik. Nicht unsere Beziehungen sollen wir mit unserer Kraft, unserer Kreativität und Lebendigkeit zu neuer Blüte bringen, sondern vielmehr alles dafür tun, die Krisenmaschine Kapitalismus am Laufen zu halten. Aber warum sollten wir das tun? Wir brauchen unsere Zeit selbst.

Und überhaupt. Alle wissen, dass es so nicht weitergehen wird, oder wenn doch, dass kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Und so suchen die Forscher_innen der Think-Tanks Rat in der Geschichte des untergehenden römischen Reichs und fragen sich, wie es die Statthalter einiger Kolonien Roms schaffen konnten, die Implosion des Machtzentrums für sich zu nutzen. Andere erforschen Zusammenbrüche früherer Zivilisationen und machen Naturverschwendung und letztlich immer Überbevölkerung als Ursache für den Untergang aus. Was uns an diesen Fragen interessiert ist allenfalls, warum nicht wenigstens wir heute gelernt haben, sie zum Teufel zu jagen, die neue Aristokratie und ihre Phantasien von Herrschaft und Bevölkerungskontrolle.

Wir wollen nicht zusehen, wie in dieser Gesellschaft neue Eliten produziert werden, die alltägliche Auslese macht uns krank vor ohnmächtiger Wut. Gentrifizierung bedeutet sinngemäß Veradelung und spielt sich nicht nur auf dem Wohnungsmarkt ab. Die Viertel, Kieze, Dörfer sind Orte, an denen uns Entwicklungsbüros und Investor_innen mit ihren Sozialtechniken feindlich gegenüber treten, an denen sich die Reichen uns erst aufdrängen und uns dann abdrängen. Sie sind aber auch Orte, an denen wir noch direkt was mitbekommen von dem, was hier eigentlich gespielt wird. Die letzten Reste gemeinschaftlicher Güter werden uns genommen und dann wieder zum Kauf angeboten: Krankenhäuser, Wasser, Altersversorgung, Saatgut, Bildung, sozialer Wohnungsbau. Wirtschaftslogik von der Wiege bis zur Bahre. So wird noch die selbstorganisierte Verbreitung von Musik, Heilstoffen und Ideen zum Eigentumsdelikt. Wenige haben Einfluss auf die Entscheidungen, die unser Leben einschnüren, viele töten und den Planeten absehbar zugrunde richten. Für jene an den großen und kleinen Hebeln der Macht ein Markt mit Zukunft. Die Krise schafft den Vorwand für einen umfassenden Angriff aufs Soziale, die allgemeine Verunsicherung kreiert Akzeptanz für den Raubbau am Leben. Die Eliten bereiten sich darauf vor, ihre Pfründe vor den Besitzlosen mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, und am besten noch fett zu verdienen an Aufstandsbekämpfung, Krieg und Krisenmanagement.

Für die allermeisten eine große Scheiße. Und doch tanzen wir nicht aus der Reihe, neigen dazu der Aufforderung zu folgen, es uns bequem zu machen. Den meisten hierzulande ist neben der Arbeit die Rolle der Zuschauer_in zugedacht. Bildschirm ansehen und schöne Sachen kaufen soll reichen. Sozialer Friede war Wirtschaftsfaktor und den Mittelklassen heilig. Und solange der Wohlstand wuchs, ging die Rechnung für eine Generation auf – in den Industriestaaten. Schon die nach Deutschland migrierten ArbeiterInnen werden dabei gern vergessen, sowohl ihre Arbeit als auch ihr Kampfgeist. Einige 150% integrierte Multikulti-Yuppies werden hofiert, während anstatt einer Antwort auf die Forderungen nach Wahlrecht, Bewegungsfreiheit und einer Perspektive noch von der x-ten hier geborenen Generation Unterwerfungsgesten („Integration“) verlangt werden. Was die Migrant_innen und ihre Kinder der rassistischen Mehrheitsgesellschaft abtrotzen, bleibt dabei stets widerrufbar. Diese permanente Sonderbehandlung und Ausgrenzung liefert das Schnittmuster der neuen selbstbewussten Klassengesellschaft: Die Armen aller Länder sollen sich beim Kampf um den sozialen Aufstieg gegenseitig ins Gesicht spucken, während die Reichen noch dem letzten vom Tisch fallenden Krümel hinterhersabbern.

Die Behandlung, die sich Einwandernde ohne dickes Bankkonto in diesem Land seit Jahrzehnten bieten lassen müssen, permanente Klassifizierung und Kontrolle, Aufenthaltsbestimmungen und Bevormundung bis in die Wohnung hinein, sind Alltag in Arbeitsämtern und Sozialgerichten. Streeworker_innen, Forschungsteams und Inis wohlmeinender Bürger_innen werden logeschickt, um einen Fuss in der Tür zu behalten izu: Es wird von uns verlangt, uns immer rückhaltloser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In diesem Zwang gilt immer noch: Jedem das Seine – das verschleiert die Möglichkeit gemeinsam zu rebellieren. Und für den Fall, dass doch mal welche aufbegehren, werden die Waffenarsenale aufgestockt bei den Polizeien der Städte, vermummte und uniformierte Spezialeinheiten üben schon heute Aufrührer kontrolliert zu neutralisieren. Die Lebensverhältnisse unten werden angeglichen, auf Biegen und Brechen. Der Entwurf der europäischen Verfassung sieht gar die rechtmäßige Tötung von Aufständischen vor. Der Apparat steht bereit. In Kundus, wo ein deutscher Oberst ein Massaker an Benzindieben veranlasste, nicht viel anders als in Schönfließ, wo Dennis J. wegen eines Strafbefehls über ein paar lumpige Euro von der Polizei erschossen wurde.

Die sich nicht fügen, handeln im neu-industriellen Sinne verantwortungslos, d.h. sie verfleißigen sich nicht genügend, und tragen somit selbst die Schuld am Verlust ihrer Lebensqualität. Wir sollen uns an „doppelte Standards“ gewöhnen, wie es ein Autor der EU-Verfassung nennt, der damit die Rechte von Menschen in Kriegsgebieten meint, in denen europäische Staaten operieren. Eine Denke, die nicht an den porösen Mauern Europas endet und uns mittlerweile überall von den Regalen der Bio-Supermärkte und Discounter angrinst, aus dem schicken Cabriolet oder mit schlechten Zähnen. Das Bild von der zwischen Armut und Reichtum sich immer weiter öffnenden Schere hat seine empörende Kraft verloren. Das Nebeneinander von Armut und Reichtum gilt längst nicht mehr allen als Skandal. Schon gar nicht mehr den eigentlich Reichen: Denen, die mit ihrem Reichtum die Verwendung der Produktionsmittel kontrollieren – die also bestimmen, unter welchen Bedingungen was von wem produziert wird. Die unverblümte Herrschaft kehrt zurück und errichtet fortwährend neue soziale Fronten, mit Hilfe polizeilicher Besatzung und sanfter Steuerung durch lokale Eliten.

Die Spirale von Verdrängung dreht sich munter und trifft uns mitten ins Herz: In Nachbarschaften, auf der Arbeit und in der Schule, in den Wartezimmern der Ämter und Ärzt_innen werden wir vereinzelt, aussortiert und zurechtgebogen für den lebenslangen Kampf um Konsum und Karriere, Kompetenz und Marktwert. Die letzten Ressourcen, Gedanken und Gefühle sollen erschlossen, und als Produkt Individuelle Einzigartigkeit® verkauft werden, als wäre unser Ich-Sein, diese unausweichliche Selbstverständlichkeit der Natur, eine Mangelware, die man sich erarbeiten, immer wieder neu kreieren und selbstvermarktenden zur Schau stellen muss. So wird zum Lohn der Mühen das, was seit jeher in unserem Besitz ist: Wir dürfen uns stolz als wertvolles Ich fühlen – welch ein Trickbetrug: Lebenszeit verramscht für 1001 Statussymbol. Hauptsache, du fühlst dich wertgeschätzt und damit zugehörig und verkaufst dafür zur Not deine Großmutter.

Die Räume, die uns allen gehören und in denen der unter kapitalistischen Bedingungen zum Naturzustand erklärte allgemeine Kampf aller gegen alle wenigstens in milderen Formen verläuft, werden unterdessen weniger. Die Stadt ist längst verkauft. 20 Jahre nach Einverleiben der DDR wollen alle nach Berlin. So erleben wir besonders in Mitte, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg einen nie dagewesenen Schwung von Sanierungen, Neubauten, Eigentums- und sogar Ferienwohnungen, Galerie-Neueröffnungen, schicken Cafés und Hostels noch und nöcher. Unwohlsein kommt auf. Die wenigen Orte und Plätze, an denen der Verkauf von Waren nicht im Mittelpunkt steht füllen sich mit Detektiven, Securities und Bullen.

Sei es die dauernde Schikane durch Bulleneinsätzen am Kotti und im Mauerpark, massive Razzien im Görlitzer Park und Weinbergspark, Alkoholverbote am Alex – die Stadt soll bereinigt werden von Drogenabhängigen, Dealer_innen, Obdachlosen, trinkenden Jugendgruppen und anderen Überflüssigen, und das bist vielleicht auch du. Gemütlich auf der Bank in der Sonne sitzen – damit ist jetzt Schluss im Alice-Salomon-Park in Schöneberg. Der Bezirk ließ alle Sitzbänke der Grünanlage kurzerhand abmontieren. Im Friedhof der Kuscheltiere Prenzlauer Berg wollen das die Zugezogenen ebenfalls, wegen dem Krach auf der Straße. Nichts soll die Wiederentdeckung der patriarchalen Kleinfamilie stören. Aber auch zuhause läßt sichs nicht mehr einfach nur mal so da sitzen, denn die Mieterhöhung erschüttert den Abendbrottisch der einen und läßt alle anderen bangen, denn die nächste Erhöhung kommt bestimmt, computer-grausam pünktlich alle 15 Monate um 20 Prozent – so oft und so hoch es das Gesetz erlaubt. Oder irgendeine beschissene Behörde findet, du hast eh zu viel Platz daheim: Nach Ablauf des Berliner Aussetzungsbeschlusses können wir uns schon mal auf reihenweise Zwangsumzüge einstellen. Unter der Nummer 0800-2727278 haben Freund_innen ein kostenloses Notruftelefon geschaltet, um gemeinsam dagegen aktiv zu werden.

Auch der Zugang zu Bildung und Einkommen wird künstlich knapp gemacht, um ein Heer von dienstbaren Geistern, Sklav_innen und Verwaltungsfachangestellten zu schaffen, die sich keine anderen Fragen mehr stellen als die, wie sie sich selbst für die permanente soziale Auslese zurichten können. Nur sehr wenige werden es schaffen, zur künftigen Elite zu gehören. Diese ist nicht nur offensichtlich leistungs-exklusiv, sondern nach wie vor überwiegend weiß und männlich, mit akzeptanzfördernden Frauen- und Minderheiten-Einsprengseln, die am patriarchalen Charakter des Prinzips „Elite“ nichts ändern, ihn eher noch abdichten gegen Kritik. Aber um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen sollen alle gleichermaßen – Chancengleichheit ist die Verheißung: Von früher Kindheit an werden wir diszipliniert, in Schüler_innen-Dateien erfasst, nach auffälligem Verhalten durchgescannt und in Konkurrenz zueinander gesetzt. Jegliche Solidarität soll jenen entzogen werden, die sich diesem Wahnsinn entziehen, die einem anderen Leitstern folgen oder einfach auf der Strecke geblieben sind. Die es schaffen einen Abschluss zu machen, haben die Wahl der Qual. Vielleicht hast du ja gut situierte Eltern, die Studiengebühren und Lebensunterhalt bezahlen, während du durch das neue ECTS-Punktesystem des Bachelorsystems hetzt. Die Finanzierung der Unis durch Drittmittel, d.h. durch die Wirtschaft bedeutet, dass nur ökonomisch rentable Studienfächer und Forschungsfragen weiter finanziert werden, dass Exzellenzinitiativen direkt die Bedürfnisse von Staat und Kapital bedienen.

Die andere Seite der Medaille heißt Ausbildung in die Arbeitslosenverwaltung. Schulschwänzer werden von den Cops abgeholt. Heime, Trainingscamps, Assessment, Jobcenter, prekäre Selbstständigkeit, Sicherungsverwahrung. Als unter 25-jährige erhältst du besondere Fürsorge. Über deinen Wohnort, deine Arbeit bestimmst nicht du. Du musst zuhause wohnen unter den Fittichen der Eltern, dich vom Jobcenter schikanieren lassen mit unsinnigen Weiterbildungen und dem vollen Programm von Profiling bis Ein-Euro-Job. Fordern und fördern heißt jetzt kürzen und sparen, die Versprechungen fallen aus, die Kontrolle bleibt. Der Sklavenhändler mit seiner „Leiharbeit“ hat auch nicht mehr zu bieten: Der Lohn reicht kaum zum Überleben und du musst auch noch froh drum sein. Außerdem bildet die Zersplitterung der Lohnarbeitenden ein echtes Hindernis für einen gemeinsamen Kampf. Schon der Aufschwung von 2001 bis 2004, der sich nicht in Lohnsteigerungen oder irgendwelche anderen lebenserleichternden Maßnahmen übersetzte, zeigte: Ihr Zuckerbrot schmeckt alt und vergammelt, wie aus dem vergangenen Jahrhundert, ihre Versprechungen sind fürn Arsch. Wir kriegen nur was wir uns nehmen.

In der verkündeten Krise, so wird uns gesagt, müssen Opfer gebracht werden, angeblich um Schlimmeres zu verhindern. Die notleidenden Banken brauchen unser Geld. Dafür sollen die Besitzlosen Heizkosten sparen, kalt duschen und ihre Kinder nicht mehr auf Klassenfahrt schicken. Die können doch auch nach Afghanistan, oder? Die einen werden in der ARGE als Kanonenfutter angeworben, die andern in den Gymnasien als Kommandierende. In Ostdeutschland wurde das Schaumburger Modell zuerst getestet und Lehrstellen nur an jene vergeben, die sich für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichten, mindestens ein Jahr davon im Auslandseinsatz. Rund um Zinksärge und die boomenden Marktsegmente Krisenmanagement und Wiederaufbau erobert die Offizierskaste wieder gesellschaftliche Bedeutung. Das Militär hält mit seinen Prinzipien von Hierarchie, Befehl und Gehorsam Einzug in den vermeintlich zivilen Alltag. Männerbünde in Politik und Wirtschaft und nicht zuletzt das auch im „Zivilen“ geltende staatliche Gewaltmonopol sorgen dafür, dass zusammen passt, was zunächst so gegensätzlich aussieht. Nicht nur Gefreite kommen reihenweise als psychische Wracks aus den Einsatzgebieten zurück. Der soziale Krieg macht auch uns krank, und dabei musst du doch gesund sein, um als erste, zweite oder dritte Wahl zu funktionieren. Für jede Anforderung des Leistungslebens gibt’s die richtige Droge und was nicht bei der Arbeit hilft, wird kriminalisiert.

Die medizinische Wiederherstellung unserer Arbeitskraft sollen wir zunehmend allein bezahlen. Mit der sogenannten Gesundheitsreform wird der Anteil der Wirtschaft an der Finanzierung der Krankenversicherung eingefroren. Dafür dürfen Beitragserhöhungen für die Arbeitenden jetzt ohne Obergrenze jährlich und pauschal festgesetzt werden. Der staatliche Sozialausgleich hingegen ist prozentual begrenzt: Die Kopfpauschale durch die Hintertür. Die Pharma-Konzerne bleiben von Regulierung oder gar Kürzungen verschont und haben die Gunst der Stunde schon länger erkannt. Der Trend geht weg von Behandlungen, die wirklich heilen, zu Medikamenten, die nur die Symptome unterdrücken und dauerhaft eingenommen und bezahlt werden müssen. Und die Konzerne setzen die Preise beliebig hoch fest – man möchte fast stöhnen: Ach, gäbe es doch offene Konkurrenz zwichen den Gesundheitskapitalisten und folglich Marktpreise. Genau das verhindern die Patente. Mit ihren Phantasiepreisen dürfen die Pharmakonzerne die noch verbliebenen sozialen Gesundheitssysteme in den reichen Teilen der Welt aussaugen und ruinieren.

In Weltgegenden, wo die Lizenzen und Preise der über den Weltmarkt gehandelten Originale sowieso unbezahlbar sind, setzen einzelne Staaten auf den offenen Bruch mit dem Patentregime und erlauben ihren nationalen Pharmafirmen, die Wirkstoffe ohne Lizenz nachzubauen, die sogenannten Generika. Beispiel AIDS-Medikamente in Afrika. Jenseits dieser Auseinandersetzungen um geistiges Eigentum wird klar: Um Gesundheit und Wohlergehen von Menschen ging es noch nie im Kapitalismus. Wenn, dann um die Wiederherstellung ihrer Arbeitsfähigkeit. Und in Weltgegenden, wo die global rotierenden Sweat-Shop-Betreiber gar keine Arbeitskraft ausbeuten wollen, weil es anderswo immer noch rentabler ist, da ist folglich kaum Geld und nicht mal für die Pharmabranche was zu holen. Zugespitzt: In Ostafrika beobachten wir schon heute den rassistischen Kampf einer weißen Biomacht gegen die nach Kriterien einer kapitalistischen Weltwirtschaft überflüssige Bevölkerung, die jährlich 100.000fache Tötung durch Unterlassen. Verhungern durch den Export gezielt „überproduzierter“ billiger Lebensmittel aus Europa, Krebs als übliche Begleiterscheinung großflächiger Vergiftung des Wassers durch Bergbau und Ölförderung, die Nicht-Versorgung „an sich“ heilbar Krankheiten sind global-kapitalistische Normalität. Wenn’s zum Leben nicht mehr reicht: sterben! Und die Leute sterben tatsächlich früher in armen Gegenden – das ist statistische Realität, auch in Berlin. Armut ist wieder an der körperlichen Verfassung und fehlenden Prothesen erkennbar.

Warum schreiben wir nochmal auf, was eigentlich alle am eigenen Körper erfahren, was im Grunde alle wissen? Wir glauben, dass es gerade dann, wenn wir nicht daran glauben, dass die Auflistung der sozialen Untaten zu einem gesellschaftlichen Aufbruch führen wird – nicht in unserem Sinne, nicht für alle auf der Welt – dass es gerade dann notwendig ist, unseren Ausgangspunkt für gemeinsamen Widerstand gegen die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu klären. Um uns nicht blöde gegeneinander ausspielen zu lassen oder selbst Wege einzuschlagen, die dem Prinzip nach auch nicht anders funktionieren als der Kapitalismus selbst, müssen wir kollektive Klarheit über Struktur und Methode des sozialen Angriffs entwickeln: Wir müssen uns gemeinsam klar machen, wie von oben und außen her die soziale Selektion, die Erforschung unserer Wünsche – tätig zu sein, Pläne zu schmieden und gemeinsam mit anderen umzusetzen, geliebt zu werden und anerkannt, das Leben zu feiern –betrieben wird, nur um diese zu Geld zu machen oder mit irgendwelchen Produkten zuzuschütten, die unsere Fantasie belagern. Oder um wirklich widerständige Ansätze immer wieder in letzter Instanz gewaltsam zu assimilieren: Schon unser Alltag ist strukturiert durch die Erpressung, die eigene Haut zu Markte zu tragen oder zu verhungern. Der Logik und der Gewalt der Maschine ist nicht mit Nachbessern beizukommen.

Hier hilft nur ein Traum, der anders und größer ist, ganz einfach weil er realistisch und vernünftig ist in dem Sinne, dass er in der Orientierung auf die lebende Vielfalt selbst besteht und nicht auf ihrer Verwertung.
Weil trotz der fortschreitenden Zerstörung dieser Vielfalt noch genug für alle da ist, sobald wir uns das Privateigentum schenken, das meist ohne Not Mangel erzeugt, um zu erzwingen, dass alle mitmachen bei der Jagd um Bling Bling – oder zumindest um die Mittel zum Überleben.
Weil ein solcher Traum den Horizont von Biomacht und kybernetischem Kapitalismus sprengt – einer Logik, in welcher die Gesamtheit der Welt, mitsamt aller Lebensäußerungen der Menschen, restlos in funktionale Fragmente zerlegt und entsprechend der jeweils gewünschten Nutzanwendung neu zusammengesetzt wird – zum Zwecke der Profitmaximierung. Selbstverständlich.

Für alle, die nicht als Ingenieur_in oder für die Umsetzung gebraucht werden, realisiert sich das Ganze als sozialer Krieg, dem wir zwar ausgesetzt sind, aber nicht zwangsläufig passiv – es gibt keinen Ausstieg aus dem sozialen Krieg. Denn die Kriegserklärung von oben erfolgt präventiv schon dann, wenn Menschen, statt ihre Kreativität und Energie ins System einzuspeisen, tatsächlich beginnen, eigene Zielsetzungen zu entwickeln und dafür zu arbeiten; wenn sie sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten nach Bedarf zusammentun und dabei herausfinden, wie das geht mit dem zusammen und was das jeweils ist, der Bedarf. In diesem Moment, an jenem Ort, der hier sein könnte. Dies unter kriegerischen Verhältnissen kultivieren zu wollen, erfordert obendrein also subversive und klandestine Talente. Dabei bleibt es unerträglich naheliegend, die gescheiterten Herrschaften in Regierung und Konzernen nach Hause zu schicken, die den Reichtum des Planeten und den Erfahrungsschatz der Leute für eine Lebensweise opfern, die einer Rauferei von 4-jährigen gleicht. Que se vayan todos.

Selbstorganisierung also. Aber wie geht das konkret? Machen wir das nicht ohnehin, um durchzukommen? Ja, aber wir sollten es noch bewusster, noch intensiver tun.

Und so stellt sich die Frage: Mit wem? Auch hier kann etwas mehr Klarheit nicht schaden, weshalb wir einige Worte zu unserer eigenen Position in den Raum werfen wollen. Ihr seid eingeladen, die Eure beizutragen. Wir sind bereit mit allen zusammen zu streiten, die dem System der Ausbeutung der lebendigen Arbeit die Macht entziehen wollen – ausgehend von der Ebenbürtigkeit aller Menschen. Die Nähe der Herrschenden suchen wir nicht, wir wollen uns die Welt nicht in den Worten derer erkären, die Menschen als Humankapital etikettieren, um sie der Vernutzung zuzuführen. Wir streben keinen Atemzug danach, in ihre Kreise aufgenommen zu werden. Keinen Gedanken verschwenden wir auf die Entwicklung „anschlussfähiger“ Forderungen, um damit vor ihre kamera- und polizeibewehrten Paläste zu ziehen. Mit ihnen zu reden bringt nicht mehr als Klarheit über die Arroganz und Borniertheit der Macht, und folglich die Notwendigkeit, es auf eigene Faust anders zu machen. Wir weigern uns, all die künstlich erzeugten Grenzen und Knappheiten zu akzeptieren, die dem Hauen und Stechen im Kapitalismus Nahrung geben. Um endlich Platz zu schaffen für eine Orientierung, die anerkennt, dass alle frei geboren sind, freundlicherweise inmitten der Reichtümer dieser Welt, um klarzustellen, dass weder wir noch diese Reichtümer zum Verkauf stehen, reicht jedoch Einsicht allein nicht aus. Wir werden uns gegen die feindliche Übernahme unseres Lebens organisieren müssen.

Selbstorganisierung mag zu banal erscheinen als Konzept, um die Welt und unser Leben zu retten. Wenn wir jedoch bedenken, dass wir nicht besonders geübt darin sind, ohne vermittelnde Instanz („Staat“ oder „Markt“) was auf die Beine zu stellen, und wenn wir uns darauf einstellen, dass die Ziele und Mittel erst klarer erkennbar werden, nachdem wir uns ein Stück weit gemeinsam auf den Weg gemacht haben werden, dann folgt daraus vermutlich, dass wir gar keine andere Wahl haben als es endlich mit all unserer Kraft zu versuchen. In kleinen Grüppchen machen wir uns auf und sehen, dass es anders geht, dass wir nicht alles hinnehmen müssen. Anfänge sind gemacht, Emily hat ihren Prozess gewonnen, ein Bündnis hat sie konsequent dabei unterstützt. Gymnasiast_innen einer Berliner Schule haben die Jugendoffiziere der Bundeswehr rausgeschmissen, 60 Obdachlose besetzten das Adlon mit der Idee: „Die Kältehilfe ist vorbei, ihr habt hier noch Zimmer frei“. Auf dem Alex tauchten ausgewilderte Bänke auf, die sofort freudig belagert werden.

Alles Momente, nur – aber auch immerhin: Temporäre autonome Aufbrüche. Wir lernen, mit einigen unbeantwortbaren Fragen zu leben – nicht sie zu verdrängen, es bleibt ein Schwarm von Fragen, der auf permanente öffentliche Diskussion hin drängt. Die großen Fragen – „Wie wollen wir leben? Wie können wir uns das erkämpfen?“ – herunterbrechen, auf die Straße holen, neu und anders und immer wieder verhandeln. Wir wollen die Politik zersetzen, das Politische befreien von den Institutionen, in einer kontinuierlicher Kritik die Politik umwandeln in die Fähigkeit, kollektiv selbstbestimmt zu handeln und solidarisch miteinander zu leben. Uns der Möglichkeiten erinnern, die wir haben, statt uns gegenseitig in der Resignation zu bestätigen. Möglichkeitssinn kultivieren statt Sachzwänge und Realitätssinn. Eine Kritik der Politik, die im Zusammenleben der Menschen entsteht, kein Dauerzustand, sondern ein ständiges Werden, aber ein Glückszustand, da wir selbst leben. Eine Aufhebung der Politik, die Kraft gibt und sich aus einem autonomen Alltag speist, aus Widerstandserfahrungen, gewonnen in Ereignissen der Unruhe und durch Ausweitung der Räume unseres wieder entdeckten Lebens. Eine Praxis des Politischen, die unser Vertrauen stärkt, dass Menschen gemeinsam die Verhältnisse ändern können, in denen sie leben, statt die Entscheidungen über ihr Leben zu delegieren und sich den Ergebnissen individuell zu unterwerfen. Damit treten wir gegen die Biomacht des postmodernen Kapitalismus an: Entfesselung der kollektiven Intelligenz statt künstlicher Knappheit und Zwang zu fremdbestimmter Lebenszeitverschwendung.

Wir sind nicht alleine mit dem Bedürfnis danach, unseren Alltag zu verändern, dem Sehnen danach, damit anzufangen für uns selbst zu denken und zu entscheiden. Damit anzufangen, dem System das Beste vorzuenthalten, was wir haben: Uns selbst. Wir könnten es Die Große Weigerung nennen: Uns nicht mehr einwickeln lassen von der Propaganda, uns gegenseitig finden und ausstatten mit allem, was wir brauchen, um den sozialen Angriff und die umfassende Enteignung abzuwehren: Da geht es um Bücher nicht weniger als um Steine. Wir werden beides brauchen, und mehr, um unsere Freundschaften und unsere Freiheit, um die Schönheit der Welt und unsere Würde zu verteidigen.

Schere? Stein. Papier.




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